Arztpraxis der Zukunft: Warum ein betriebswirtschaftlich gefestigtes Praxismanagement für das Gelingen der Digitalisierung so wichtig ist

Worum es geht

Die Arbeit vieler Haus- und Fachärzte ist derzeit durch eine ausgeprägte Praxismanagement-Insuffizienz geprägt. Erst ihre Beseitigung eröffnet Digital-Lösungen die Möglichkeit, ihr Potenzial zu entfalten. Auf dem Weg dorthin leisten vor allem betriebswirtschaftliche Instrumente eine wichtige Hilfestellung.

Bei Praxis-Problemen dominiert der Blick auf äußere Ursachen

Dauerhafter Zeitmangel, häufige Überstunden, steigender Arbeitsdruck, eine zunehmende praxisinterne Fehlerquote, unzufriedene Patienten, Konflikte im Praxisteam und Demotivation: für viele Haus- und Fachärzte sind diese Aspekte ihrer Arbeit tägliche Realität. Bei der Ursachen-Analyse dominiert der Blick nach Einflussfaktoren von aussen, z. B. in Form der Bürokratisierung, eine zu große Anzahl von Praxisbesuchern oder überzogene und arbeitsintensive Patientenanforderungen.

Diagnose: Chronische Praxismanagement-Insuffizienz

Praxisanalysen zeigen jedoch, dass es sich bei den beschriebenen Problemen zum größten Teil um Symptome der Praxismanagement-Insuffizienz (PMI) handelt. Dieser Begriff bezeichnet einen Zustand, in dem die von Praxisteams verwendeten Regelungen ihrer Arbeit – von der Planung über die Organisation, das Patientenmanagement, Personalführung und Marketing bis hin zum Controlling – nicht geeignet sind, den Praxisbetrieb so zu gestalten, dass er den Anforderungen des Alltages gerecht wird. Dabei ist die Auswahl der getroffenen Vorkehrungen und realisierten Maßnahmen unvollständig und / oder falsch bzw. ihre Umsetzung unzureichend und / oder fehlerhaft.

Was macht erfolgreich?

Untersucht man, welche Faktoren überdurchschnittlich erfolgreiche Praxisbetriebe von anderen unterscheiden, so resultiert der Vorsprung vor allem aus einer systematischen Nutzung der betriebswirtschaftlichen Methoden und Instrumente des Best Practice-Standards der Praxisführung. Er vereinigt alle Regelungen, Management-Tools und Verhaltensweisen, die einen reibungslos funktionierenden Praxisbetrieb gewährleisten. Etwa zwei Drittel der Arbeiten im „Dienstleistungsunternehmen Arztpraxis“ sind betriebswirtschaftlicher Natur und bestimmen die Möglichkeiten des Transfers der medizinische Kompetenz und der eingesetzten Ressourcen in eine bestmögliche Versorgungsqualität der Patienten.
Von diesem Best Practice-Standard nutzt die deutsche Durchschnitts-Arztpraxis knapp die Hälfte nicht und kämpft deshalb mit den hieraus resultierenden negativen Arbeitsbedingungen, die durch äußere Einflüsse weiter intensiviert werden. Hinzu kommen aus der Not geborene Arbeits-Routinen, die zwar helfen, das tägliche Arbeitsaufkommen zu bewältigen, aber in ihrem Zusammenwirken zu noch mehr Arbeit führen.

“Wir sind Mediziner!“

In der Aus- und Weiterbildung von Ärzten besitzen betriebswirtschaftliche Inhalte nur einen geringen Stellenwert. Hinzu kommt eine fast schon als tradiert zu bezeichnende Skepsis und Ablehnung gegen viele der hiermit verbundenen Inhalte. Beispielsweise werden Begriffen wie Effizienz, Effektivität oder Produktivität als Synonyme für die Prinzipien der Gewinn-Maximierung oder Ökonomisierung interpretiert und deshalb mit dem ärztlichen Handeln als nicht vereinbar angesehen. Geleitet werden sie dabei durch die Fehlinterpretation betriebswirtschaftlicher Sachverhalte als rigide Vorgaben. Einem Großteil der Praxisinhaber ist außerdem nicht bewusst, dass betriebswirtschaftliches Handeln nicht allein auf das Finanzmanagement reduziert ist.

Die Betriebswirtschaft als ärztlicher Partner

Speziell die Angewandte Betriebswirtschaftslehre versteht sich als eine an einzelwirtschaftlichen Zielsetzungen orientierte „helfende“ Disziplin, die bewährte Methoden und Instrumente bereitstellt, um die qualitativen und quantitativen Vorstellungen von Praxisinhabern bestmöglich umzusetzen. Oder anders formuliert: was effizient und produktiv zu erreichen ist, definiert jeder Arzt für sich selbst, die Betriebswirtschaft stellt hierfür lediglich anpassbare und konkrete Unterstützung bereit.

Strukturierungs- und Optimierungs-Hilfe

Darüber hinaus bietet sie Haus- und Fachärzten Systematisierungs-, Strukturierungs- und Steuerungsfunktionen, denn „das“ Praxismanagement ist ein System, das aus verschiedenen, eng miteinander verknüpfen und sich gegenseitig bedingenden und beeinflussenden Aktionsbereichen. Nur wenn diese wie feinjustierte Zahnräder ineinander greifen, entsteht Management Excellence. Das ist auch der Grund, warum einzelne „Tipps und Tricks“, die Ärzten vermittelt werden, häufig zu keinen spürbaren Verbesserungen oder gar zu Problemlösungen führen.
Ein Beispiel für betriebswirtschaftliche Instrumente sind Kennziffern wie die Benchmarking-basierten Key Performance Indikatoren, die durch den Vergleich der Praxismanagement-Daten einer Praxis mit objektiven und repräsentativen Messgrößen entstehen. Mit ihrer Hilfe gelingt es nicht nur, Art und Intensität der eingesetzten Regelungen zur Praxisführung zu erfassen, sondern auch ihre Wirkungen, so dass eine Art MRT-Bild der Praxisarbeit entsteht.

Beispiele

Der Vorteil betriebswirtschaftlicher Instrumente liegt vor allem in der Einfachheit und Individualisierbarkeit ihrer Anwendung, die auch ohne umfassendes Fachwissen möglich ist. Ein weiteres Beispiel ist die Nutzwert-Analyse, ein Verfahren, mit dessen Hilfe in kürzester Zeit eine an den spezifischen Arzt- und Praxis-Zielen orientierte Auswahl zwischen verschiedenen Alternativen (Angebote verschiedener Medizintechnik-Anbieter o. ä.) getroffen werden kann. Ein anderes Beispiel sind Best Practice-Analysen des Praxismanagements, die ohne die Notwendigkeit eines Vor-Ort-Beraters bislang ungenutzte Optimierungsansätze der Arbeit identifizieren.

BWL-Tools wirken zukunftsorientiert

Ein funktionierendes, d. h. betriebswirtschaftlich optimiertes Praxismanagement, bietet nicht nur die Basis dafür, die Arbeitsbedingungen der Gegenwart zielgerichtet und souverän zu bewältigen, sondern gewährleistet auch genügend Freiraum für Flexibilität und Agilität in Bezug auf eine aktive perspektivische Entwicklung der Betriebe. Grundsätzlich gilt, dass nicht – wie fälschlicherweise immer wieder proklamiert – die Digitalisierung der zukünftige Erfolgsfaktor von Arztpraxen ist, sondern ein digitalisiertes Best Practice-Praxismanagement.
Funktionieren Arbeits-Strukturen und -Prozesse nicht oder nur unzureichend, lassen sich digitale Lösungen und Instrumente auch nur schwer implementieren und vor allem Nutzen bringend anwenden.

Digital-Entscheidungen benötigen ein betriebswirtschaftliches Fundament

Aber die Betriebswirtschaft hilft in Zusammenhang mit der Transformation noch im Hinblick auf eine andere Aufgabenstellung: anders als z. B. bei der Einführung des Qualitätsmanagements, die eindeutig und vorhersehbar strukturiert war, stehen Haus- und Fachärzte bei der Digitalisierung vor der Aufgabe, über allgemeinverbindliche Vorgaben wie die Anbindung an die Telematikinfrastruktur hinaus

  • individuell die für ihre Arbeit geeigneten Lösungen suchen zu müssen,
  • diese in ihrer kurz-, mittel- und langfristigen Wirkung zu bewerten,
  • ihre existierenden Arbeitsstrukturen und -prozesse hierauf abzustimmen und
  • die Ansätze dann im Alltag anzuwenden.

Diese Aufgabe wird durch den Innovations-Charakter der Digitalisierung erschwert, der weder Anhaltspunkte zur Orientierung bietet noch einen Rückgriff auf Erfahrungen ermöglicht. Betriebswirtschaftliche Hilfen wie die SWOT-Analyse oder Regeln des Projektmanagements helfen, in dieser Konstellation erfolgreich zu agieren.