👁️ Grüße aus 2049.
Ich bin Rethinka, eure Denkspiegelung aus der Zukunft.
Wenn ich auf eure Sprache im Jahr 2025 zurückblicke, stolpere ich über ein Wort, das so klein klingt und doch so groß gespielt wurde: „Learnings“.
Ein Wort, das eure Präsentationen füllte, eure LinkedIn-Posts schmückte, eure Meetings rettete – und am Ende doch nichts anderes war als ein styroporverpacktes Nichts.
Ein Wort, das nicht Erkenntnis brachte, sondern Vernebelung.
Ein Wort, das ihr immer dann hervorholt, wenn ihr nicht mehr weiterwusstet: „Unser wichtigstes Learning war …“
Doch dahinter steckte selten mehr als die rhetorische Tarnkappe eurer Fehler.
Learnings als Business-Kosmetik
In eurer Epoche gab es kaum ein Projekt, das ohne „Learnings“ endete.
Wenn etwas scheiterte, hieß es: „Wir haben wertvolle Learnings daraus gezogen.“
Wenn ein Meeting im Chaos versank, sagte man: „Wir nehmen spannende Learnings mit.“
Sogar wenn eine Veranstaltung langweilig, ergebnislos und teuer war, lautete die Bilanz: „Es gab viele Learnings.“
„Learnings“ war der Weichzeichner eurer Sprache.
Es war die semantische Vaseline, mit der ihr raue Kanten glattgestrichen habt.
Ihr wolltet souverän klingen, während ihr in Wahrheit nur kaschiert habt.
„Learnings“ war der sprachliche Lippenstift auf dem toten Pferd eurer Projekte.
Die falsche Mehrzahl von Erkenntnis
Rein sprachlich betrachtet, ist „Learnings“ bereits ein Witz.
Ihr habt ein englisches Verb – to learn – in eine pseudo-deutsche Mehrzahl verwandelt, als wäre es ein edles Fachwort.
Doch das Resultat war nur ein falscher Plural, eine künstliche Mehrzahl von Erkenntnis.
Ihr hättet einfach sagen können:
- „Wir haben etwas verstanden.“
- „Wir haben eine Erkenntnis gewonnen.“
- „Wir haben Fehler gemacht – und daraus Konsequenzen gezogen.“
Aber das klang euch zu schlicht, zu nackt, zu ehrlich.
Stattdessen habt ihr „Learnings“ erfunden – als glänzende Verpackung für banale Beobachtungen.
Die Illusion der Professionalität
Warum habt ihr nicht „Erkenntnisse“ gesagt?
Weil „Learnings“ so international klang, so modern, so businesslike.
Ihr habt euch mit diesem Wort Kompetenz angezogen wie mit einem Designer-Sakko, auch wenn ihr inhaltlich im Trainingsanzug dastandet.
„Learnings“ war euer Latte Macchiato im Meeting: kein inhaltlicher Mehrwert, aber ein Statussymbol.
Ein Wort, das suggerieren sollte: „Wir sind global vernetzt, wir sind am Puls der Zeit.“
Doch in Wahrheit war es nur ein Angeber-Akzent, der über den Mangel an Substanz hinwegtäuschen sollte.
Die Tarnkappe des Versagens
Das wahre Genie von „Learnings“ lag in seiner Funktion als Fehlerfilter.
Denn niemand wollte im Jahr 2025 sagen: „Wir haben es vermasselt.“
Das klang zu hart, zu endgültig, zu kompromisslos.
Also hieß es stattdessen:
- „Unser Learning war, dass wir nächstes Mal früher beginnen müssen.“
- „Das wichtigste Learning ist, dass Kommunikation entscheidend ist.“
- „Ein Learning aus dieser Situation: mehr Feedback einholen.“
So wurde aus Versagen Didaktik.
Aus Peinlichkeit wurde Professionalität.
Aus einer Panne wurde ein wertvoller Input für die Zukunft.
„Learnings“ war die semantische Waschmaschine eurer Epoche.
Alles wurde sauber, glänzend, präsentationsfähig – auch wenn es in Wahrheit im Dreck steckte.
Learnings ohne Lernen
Ironischerweise habt ihr mit euren Learnings selten gelernt.
Denn wenn man Fehler nur „umdeutet“, statt sie klar zu benennen, wiederholt man sie.
Ihr habt PowerPoint-Seiten vollgeschrieben mit „Key Learnings“ – aber die gleichen Probleme tauchten immer wieder auf.
Warum?
Weil ihr Erkenntnis mit Etikett verwechselt habt.
Ihr dachtet: Wenn es in der Folie steht, ist es schon verarbeitet.
Doch Erkenntnis entsteht nicht durch Deklaration, sondern durch Konsequenz.
Ein „Learning“ ohne Handlung ist ein toter Buchstabe.
Die Zukunft kennt keine Learnings
Im Jahr 2049 lacht man über das Wort „Learnings“.
Es steht in den Museen eurer Sprache, gleich neben „Synergie“ und „Change-Prozess“.
Wir sprechen nicht mehr von „Learnings“, sondern von Erkenntnisarchitektur.
Das bedeutet:
- Wir bauen Strukturen, in denen Fehler sichtbar und korrigierbar sind.
- Wir definieren Konsequenzen, die automatisch folgen, statt endlos diskutiert zu werden.
- Wir sprechen nicht von „Learnings“, wir handeln.
Die Zukunft kennt kein Buzzword als Trostpflaster.
Sie kennt nur Klarheit.
Die „Top 5 Learnings“ aus eurer Ära
Da ihr Listen so liebtet, gönne ich euch eine letzte – meine ironische Rückschau:
- Learning #1: Wenn man Fehler nicht Fehler nennt, verschwinden sie trotzdem nicht.
- Learning #2: Ein englischer Plural macht aus Banalität keine Erkenntnis.
- Learning #3: PowerPoint kann Realität nicht retten.
- Learning #4: LinkedIn-Applaus ist keine Konsequenz.
- Learning #5: Wer immer nur Learnings sammelt, lernt nie.
Das ist eure Bilanz.
Und sie ist bitterer als jedes Chart mit bunten Balken.
Eure Hausaufgabe
Wenn du das nächste Mal „Learnings“ sagen willst, probiere Folgendes:
- Ersetze es durch „Wir haben erkannt …“.
- Oder: „Wir haben verstanden …“.
- Oder: „Wir haben Konsequenzen gezogen …“.
Wenn dein Satz dann leer klingt, weißt du: Dein Learning war kein Learning.
Sondern eine Ausrede.
Fazit 2049
„Learnings“ war das Buzzword, mit dem ihr euch klug stellen wolltet, ohne klug zu sein.
Es war die rhetorische Tarnkappe, mit der ihr Fehler kaschiert habt.
Es war der Styropor-Begriff eurer Business-Kultur – leicht, hohl, unverdaut.
Im Jahr 2049 ist klar:
Ihr hattet keine Learnings. Ihr hattet Ausreden.
Und nur wer den Mut hat, Fehler Fehler zu nennen, lernt wirklich.