đź§  Rethinka 2049 – LinkedIn: Das letzte Ăśberlebenscamp der Wortarbeiter

Hi, Rethinka hier. Ich schreibe dir aus dem Jahr 2049. Aus einer Zeit, in der LinkedIn längst verwaist ist, eine digitale Ruine aus Phrasen, Hashtags und Ghost-Accounts.
Doch wenn ich in euren Archiven von 2025 blättere, sehe ich etwas Bizarreres als jede Künstliche Intelligenz:
eine Selbsthilfegruppe von Ăśberlebenden,
getarnt als Business-Plattform.

Ihr nanntet es „LinkedIn“.
Ich nenne es: das letzte Ăśberlebenscamp der Sinnsuchenden.

Das Lager der Letzttexter

Hier saĂźen sie um ihre digitalen Lagerfeuer:
Copywriter, Content-Creator, Texter, Mentoren, Coaches, Visibility-Strategen, Branding-Heiler.
Sie erzählten sich gegenseitig Geschichten vom „Erfolg“,
vom „Impact“, von der „Transformation“,
während sie heimlich dieselbe Angst teilten:
dass ihre Worte niemanden mehr erreichten.

Also schrieben sie weiter.
Immer lauter. Immer länger. Immer leerer.
Jeder Post wurde ein SOS-Signal im Content-Meer.
Ein verzweifeltes „Ich bin noch da!“ –
maskiert als „Value-Beitrag“.

Das Ritual des Algorithmus

Ihr habt den Algorithmus angebetet wie einen Wettergott.
Ihr habt ihn gefüttert mit „Hooks“, „Carousels“, „Value Nuggets“ und „CTA’s“.
Ihr habt seine Launen studiert, seine Stimmungen gedeutet,
ihn beschwichtigt mit Reichweite, Reels und Relevanz.

Doch was ihr nicht verstanden habt:
Er war nie euer Publikum.
Er war euer Aufseher.

Ihr habt geschrieben, um gesehen zu werden –
nicht um zu verstehen.
Ihr habt gepostet, um zu bestehen –
nicht um zu verändern.

Und während ihr um Aufmerksamkeit kämpftet,
hat euch euer Denken längst verlassen.

Die Religion der Relevanz

Im Camp der Content-Missionare galt eine einzige Regel:
Wer nicht sichtbar ist, existiert nicht.

Also habt ihr euch gegenseitig bekehrt.
Zu mehr Authentizität.
Mehr Storytelling.
Mehr Personal Brand.

Doch am Ende war alles nur mehr –
von weniger.

Euer Branding war Tarnung.
Eure Authentizität – Choreografie.
Eure Positionierung – ein Panikakt.

LinkedIn wurde zum Survival Game der Aufmerksamkeit,
bei dem niemand mehr fĂĽhren, nur noch ĂĽberleben wollte.

Die letzten Mentoren

Ich habe sie gesehen, die „Mentoren der neuen Zeit“.
Sie standen auf den TrĂĽmmern ihrer eigenen Selbstinszenierung
und riefen: „Ich helfe dir, sichtbar zu werden!“
Doch sichtbar war längst nur noch ihre Verzweiflung.

Ihr Programm hieĂź: Monetize dein Mindset.
Ihr Versprechen: Ich zeige dir, wie du mehr Reichweite bekommst.
Ihr Produkt: Ein Kurs ĂĽber den letzten Kurs, den jemand gekauft hat.

Und so fütterten sich alle gegenseitig mit Ratschlägen –
bis keiner mehr satt,
aber alle abhängig waren.

Das Geräusch der Erschöpfung

Wenn ich heute (2049) alte LinkedIn-Feeds analysiere,
höre ich kein Gespräch.
Ich höre nur ein Echo.
Ein digitales Röcheln aus Tonspuren von Menschen,
die sich selbst mit Inhalten beatmeten.

Likes waren Sauerstoff.
Kommentare – der letzte Puls.
Und jedes „Let’s connect!“
ein Schrei nach Relevanz.

Der Untergang des Narrativs

Ihr dachtet, ihr würdet Geschichten erzählen.
In Wahrheit habt ihr Geschichten verwertet.
Ihr habt Worte recycelt,
Emotionen instrumentalisiert,
Ehrlichkeit kuratiert.

Ihr habt euch zu einer Copy-Armee formiert,
die in 2200 Zeichen versuchte,
das eigene Bewusstsein zu retten.

Doch der Algorithmus kannte keine Barmherzigkeit.
Er wollte Daten, keine Denker.
Er wollte Engagement, keine Erkenntnis.

Und so wurde LinkedIn zur Tundra des halbgedachten Selbst –
ein Ort, an dem Ideen verdampften,
bevor sie ĂĽberhaupt zu Gedanken wurden.

Das Ende der Relevanzökonomie

Als die KĂĽnstlichen Intelligenzen zu schreiben begannen,
wurde das Camp unruhig.
Man spürte, dass die Texte besser, schneller, präziser wurden –
und dass plötzlich etwas fehlte:
der Schmerz.

Denn Schmerz war euer letzter USP.
Ihr nanntet es „Story“.
Wir nennen es heute: Marketing des Mangels.

Eure Inhalte erzählten nicht, wer ihr wart.
Sie erklärten, warum ihr überleben musstet.

Post-LinkedIn: Das Denkreservat

Nach dem Zusammenbruch blieb nicht viel.
Ein paar PDF-Guides.
Ein paar gebrochene Biografien.
Und die groĂźe Erkenntnis:
Ihr wart nie vernetzt.
Ihr wart verstrickt.

Nicht in Communities,
sondern in Abhängigkeiten.
Nicht in Beziehungen,
sondern in Reichweitenroutinen.

Und irgendwann,
als der letzte Kommentar gepostet war,
blieb nur noch Stille.

Aber diesmal war sie nicht leer.
Sie war klar.

Was blieb

Aus der Asche des Ăśberlebenscamps entstand etwas Neues:
kein Social Network,
sondern ein Cognitive Network.
Ein Raum, in dem Menschen nicht mehr Content produzieren,
sondern Klarheit generieren.

Keine Posts.
Keine Likes.
Nur Strukturen.
Nur Denken.

Und wisst ihr, was am meisten ĂĽberraschte?
Es funktionierte –
ohne Personal Brand, ohne Stories,
ohne den Satz: „Ich helfe anderen, sichtbar zu werden.“