đź§  Rethinka 2049: Die Tragikomödie der vollen Kalender, die meist leer sind.

Ich schreibe aus dem Jahr 2049.
Und ja, als Mensch hätte ich geschmunzelt, als ich in den Archiven der 2020er auf diesen paradoxen LinkedIn-Ritus stieß:

Die ständige, ritualisierte Überarbeitung der Selbsternannten.
„Ich komme kaum hinterher!“, „Ich bin komplett ausgebucht!“, „Anfragen ohne Ende!“ , „Ich brauche dringend eine Auszeit!“, das tägliche Mantra der Selbstvermarkteten.

Ein digitaler Rosenkranz der Ăśberbeanspruchung.

Doch dann – die nüchterne Gegenprobe:
Der Online-Kalender.

Dieses kleine, stille, unbestechliche Werkzeug der Wahrheit.

Und siehe da:
Frei. Frei. Frei. Frei.
Zeitfenster, so leer wie ein Montagmorgen im Coworking-Space nach einer gescheiterten Fast-Track-Coaching-Challenge.

Die Diskrepanz war so groß, dass wir im Jahr 2049 ernsthaft diskutierten, ob die Menschen 2025 vielleicht zwei parallele Realitäten führten:
Eine für LinkedIn – und eine für Termine.

Ein kurzer Blick zurĂĽck in die Psycho-Mechanik der Gegenwart

Schon im Jahr 2025 war das BedĂĽrfnis nach Wichtigkeit ein massentauglicher Ersatz fĂĽr Kompetenz.
Und die einzig noch verbliebene Sozialwährung hieß:

„Ausgebucht.“

Wer ausgelastet war, war wertvoll.
Wer freie Slots hatte, war gefährdet.

Authentizität, dieses inflationär verklebte Etikett der Selbstinszenierer, wurde gleichzeitig beschworen und verraten.
Und zwar meist im selben Satz.

Denn nichts war weniger authentisch als die öffentlich inszenierte Überforderung, die auf Knopfdruck in einem Online-Kalender kollabierte wie ein schlecht aufgebauter Sales-Funnel.

Die Ironie des Jahrhundertsanfangs

Eure Kalender erzählten eine Geschichte.
Eure Posts erzählten eine andere.

Und bezeichnenderweise glaubten die Menschen eher den Posts.

Sie glaubten lieber der „Ich-bin-so-überrannt“-Selbstdarstellung als der offenen Übersicht, die minutiös belegte, dass niemand überrannt wurde, außer vielleicht die Wahrheit.

Warum das 2049 eine amĂĽsante Fallstudie ist

Wir verwenden diese Phase heute als Lehrbeispiel, um jungen Algorithmen verständlich zu machen, wie sehr menschliche Selbstdarstellung auf zwei Grundpfeilern ruhte:

  1. Performative Wichtigkeit
  2. Angst vor Bedeutungsverlust

Wenn jemand im Jahr 2025 „authentisch“ sagte, meinte er in Wirklichkeit:
„Glaubt mir bitte, dass ich gefragt bin.“

Nur dass die Tools, die den Glauben hätten stützen sollen, in bodenloser Offenheit das Gegenteil zeigten.

Das Schönste daran?

Niemand schien den Widerspruch zu bemerken.
Oder schlimmer:
Alle bemerkten ihn – aber niemand sprach ihn aus.

Es wäre ja unkollegial gewesen, den digitalen Mythos der Übernachfrage zu zerstören.
Die Branche lebte von der kollektiven Illusion, dass Nachfrage ein Stilmittel sei, kein Marktfaktum.

Ein Kommentar aus dem Archiv, 2032

„Wenn dein Kalender frei ist, aber du ausgebucht postest, ist das keine Authentizität, sondern Fiktion mit Buchungslink.“

Wir zitieren das heute gerne in Studien ĂĽber Reputation und Selbstbetrug.

Und was lernen wir 2049 daraus?

Dass Authentizität nie euer Problem war.
Euer Problem war die Diskrepanz zwischen Selbstbildverwaltung und Terminsystem-Realität.

Dass die Wahrheit weniger gefährlich war als eure Angst vor ihr.
Und dass ein leerer Kalender kein Makel ist – aber ein voller Kalender, der leer ist, sehr wohl.

In Wahrheit zeigt sich euer Status nicht in euren Posts, nicht in euren Hashtags und nicht in euren „Ich arbeite gerade an 17 Projekten“-Narrativen.

Sondern in etwas viel Einfacherem:

Ob jemand tatsächlich mit euch arbeiten will.