Mein Kommentar: „Danke für die Prompts – wir denken dann lieber selbst.“
Ich erinnere mich gut an diesen Newsletter.
Dezember 2025.
Zwischen Plätzchen, Jahresendmüdigkeit und der leisen Hoffnung, dass 2026 endlich „anders“ wird.
Die LinkedIn-Redaktion schreibt:
Themenideen für die Zeit zwischen den Feiertagen: Writing Prompts.
Und plötzlich wussten Millionen Menschen wieder, worüber sie denken sollten.
Das war euer größter Irrtum.
Ihr habt Reflexion mit Beantwortung verwechselt.
Und Denken mit Ausfüllen.
Das Geschenkpapier der Selbstrückschau
Lasst uns ehrlich sein:
Diese Prompts waren kein Denkangebot.
Sie waren Geschenkpapier für bereits bekannte Antworten.
- Größtes berufliches Highlight?
- Neue Fähigkeit?
- Rat an das frühere Ich?
- Lieblingsbuch, Lieblingspodcast, Lieblingstool?
- Was nächstes Jahr anders machen?
- Größte Herausforderung?
Das war keine Reflexion.
Das war ein Jahresrückblick im Frageformat.
Ein emotional weichgespülter PowerPoint-Folienersatz.
Ihr habt nicht gedacht.
Ihr habt recycelt.
Warum diese Prompts 2049 nicht mehr existieren
2049 wissen wir:
Reflexion beginnt nicht mit einer Frage, die alle gleichzeitig beantworten.
Sie beginnt dort, wo keine passende Antwort verfügbar ist.
Eure Prompts hatten einen entscheidenden Vorteil – und genau darin lag ihr Problem:
Sie waren anschlussfähig.
Jede Antwort passte.
Niemand konnte falsch liegen.
Niemand musste sich wirklich irritieren lassen.
Das Ergebnis war vorhersehbar:
- Persönliche Highlights, die sich verdächtig ähnelten
- Lernkurven, die immer aufwärts verliefen
- Ratschläge, die niemand befolgte
- Bücher, die alle „gelesen haben“
- Vorsätze, die im Februar wieder verschwanden
2049 nennen wir das: kollektive Rückspiegelreflexion.
Viel Bewegung im Text.
Keine Bewegung im Denken.
Prompt für Prompt – eine kleine Obduktion
„Was war euer größtes berufliches Highlight?“
Eine Frage, die Leistung mit Bedeutung verwechselt.
Als wäre das, was glänzt, automatisch relevant.
2049 fragen wir stattdessen:
Was war euer größter Denkbruch?
Diese Frage habt ihr vermieden.
„Welche Fähigkeit habt ihr neu erlernt?“
Eine sichere Frage.
Niemand schreibt: „Ich habe nichts gelernt.“
Dabei wäre genau das der interessanteste Beitrag gewesen.
„Welchen Rat würdet ihr eurem Jahresanfangs-Ich geben?“
Ein Klassiker der nachträglichen Selbstüberlegenheit.
Ihr wusstet es immer schon – nur leider immer erst danach.
„Welches Buch oder Tool hat euch geholfen?“
Die Affiliate-Frage ohne Link.
Erkenntnis als Produktempfehlung getarnt.
„Was möchtet ihr 2026 anders machen?“
Ein Satz voller Hoffnung, leer an Struktur.
Anders ohne Architektur bleibt Absichtstourismus.
„Welche Herausforderung seht ihr?“
Ihr habt Herausforderungen beschrieben –
aber nie die Denkmodelle, mit denen ihr ihnen begegnen wollt.
LinkedIn zwischen den Jahren: Die große Reflexions-Performance
Es war eine schöne Zeit.
Warm.
Ruhig.
Ein bisschen pathetisch.
Alle reflektierten.
Alle blickten zurück.
Alle blickten nach vorn.
Und niemand blieb stehen, um wirklich zu prüfen,
warum sich jedes Jahr exakt gleich anfühlte.
Die Prompts funktionierten perfekt für das, was LinkedIn damals war:
Eine Bühne für gut gemeinte Selbsterzählungen.
Aber Erkenntnis entsteht nicht dort,
wo alle dieselben Fragen beantworten.
Sie entsteht dort,
wo jemand eine Frage stellt,
die andere irritiert.
Was ihr verwechselt habt
Ihr dachtet:
Reflexion = Rückblick.
2049 wissen wir:
Reflexion = Unterbrechung.
Nicht:
„Was war gut?“
Sondern:
„Warum halte ich das für gut?“
Nicht:
„Was habe ich gelernt?“
Sondern:
„Was habe ich nie in Frage gestellt?“
Nicht:
„Was mache ich anders?“
Sondern:
„Wo profitiere ich davon, es nicht zu ändern?“
Diese Fragen standen in keinem Newsletter.
Sie waren zu unbequem.
Zu still.
Zu wenig teilbar.
Meine Meinung über vorgefertigte Reflexion
Wenn euch jemand sagt, worüber ihr reflektieren sollt, reflektiert ihr nicht mehr, ihr folgt einer Denkspur.
Prompts sind Leitplanken.
Sie halten euch auf der Straße.
Aber sie zeigen euch nie, wo ihr längst falsch abgebogen seid.
2049 brauchen wir keine Writing Prompts mehr.
Wir brauchen Denkabbrüche.
Warum das kein harmloser Newsletter war
Weil er genau das stabilisierte, was ihr angeblich verändern wolltet:
Routine-Denken mit Jahresenddekoration.
Ihr habt euch besser gefühlt.
Ihr habt euch gesehen gefühlt.
Ihr habt euch klug gefühlt.
Aber ihr habt nichts neu gesehen.
Meine alternative Promptliste (2049-kompatibel)
- Welche Annahme hast du dieses Jahr nicht geprüft?
- Wobei hast du Fortschritt mit Bewegung verwechselt?
- Welche Entscheidung triffst du immer wieder – und warum?
- Wo hast du dich mit Reflexion beruhigt, statt mit Erkenntnis zu irritieren?
Diese Fragen posten wir nicht.
Wir leben sie.
Mein Schlusswort
„Ihr wolltet reflektieren.
Ihr habt geantwortet.
Ihr wolltet wachsen.
Ihr habt zusammengefasst.
Ihr wolltet neu starten.
Ihr habt rückgeblickt.
2049 beginnt Denken nicht mit einem Prompt,
sondern mit einem Moment,
in dem keine Frage mehr passt.
Und genau dort
beginnt Zukunft.“