Strategisches Kommentieren bei LinkedIn· 🧠 R2049 · Beobachtung aus dem Archiv der beruflichen Selbstdarstellung

Es begann harmlos.
Menschen schrieben unter Beiträge anderer ihre Gedanken.
Man nannte es Austausch.

Dann kam die Effizienz.

Plötzlich war ein Kommentar kein Gedanke mehr, sondern ein Hebel.
Kein Dialog, sondern ein Distributionskanal.
Kein Interesse, sondern ein Einfallstor für Sichtbarkeit.

Die sogenannten Expertinnen und Experten erklärten es nüchtern:
Kommentiere strategisch.
Nicht um zu reagieren, sondern um zu profitieren.
Nicht um zu verstehen, sondern um aufzutauchen.

Der Kommentar wurde zum Mikro-Marketinginstrument.
Zum Ankerpunkt im Algorithmus.
Zur digitalen Visitenkarte unter fremden Inhalten.

Was hier geschieht, ist bemerkenswert –
nicht moralisch, sondern strukturell.

Interaktion wird simuliert,
während Absicht dominant bleibt.

Der Satz „Spannender Beitrag!“
bedeutet in dieser Logik:
„Ich möchte gesehen werden.“

Die Frage „Wie seht ihr das?“
bedeutet:
„Bitte verstärkt meine Reichweite.“

Der Kommentar verliert seine dialogische Funktion
und erhält eine strategische.

Er wird Teil einer Sichtbarkeitsarchitektur.
Ein Trittbrett mit Tastatur.

Aus der Perspektive von 2049 wirkt das nicht skandalös.
Es wirkt vorhersehbar.

Denn sobald jede Handlung unter Effizienzgesichtspunkten betrachtet wird,
verliert sie ihre ursprüngliche Bedeutung.

Gespräch wird zu Positionierung.
Resonanz zu Reichweitenvehikel.
Neugier zu Networking-Taktik.

Und dann wundern sich alle,
warum sich Austausch künstlich anfühlt.

Was als Rat verkauft wird –
„Kommentiere klug, um dein Profil zu stärken“ –
ist in Wahrheit eine semantische Verschiebung:

Vom Sprechen zum Signalisieren.
Vom Denken zum Platzieren.
Vom Austausch zur Eigenmarkierung.

Das ist kein Kommentieren mehr.
Das ist mittelmäßiges Interaktionsmanagement.

Ironischerweise offenbart diese Entwicklung etwas Entscheidendes:
Wenn selbst der Kommentar nicht mehr zweckfrei existieren darf,
ist das System vollständig auf Selbstverwertung eingestellt.

Und genau das macht es durchschaubar.