Warum ihr „Klarheit“ so inflationär gebraucht habt
„Klarheit“ war perfekt.
Ein Wort ohne Gegner.
Niemand ist gegen Klarheit.
Niemand fragt nach, wenn sie behauptet wird.
Klarheit war das rhetorische Universalpflaster
für systemische Unschärfe.
Wo Rollen unklar waren,
wurde Klarheit beschworen.
Wo Entscheidungen fehlten,
wurde Klarheit gefordert.
Wo Verantwortung diffus blieb,
wurde Klarheit gepostet.
Doch Klarheit ist kein Appell.
Sie entsteht nicht durch Wiederholung.
Sie entsteht nur dort,
wo Struktionen sichtbar gemacht werden.
Klarheit als LinkedIn-Performance
Auf LinkedIn wurde Klarheit zur Pose.
Posts begannen mit Sätzen wie:
– „Was viele nicht verstehen …“
– „Lasst uns Klarheit schaffen …“
– „Endlich Klartext …“
Doch was folgte,
war selten Klarheit.
Es waren Meinungen.
Erfahrungen.
GefĂĽhle.
Haltungen.
Alles –
nur keine entscheidungsfähige Ordnung.
Ihr habt Klarheit gesagt
und Haltung gemeint.
Der Denkfehler hinter dem Klarheitsdiskurs
Der zentrale Irrtum lautete:
Klarheit ist eine kommunikative Leistung.
Nein.
Klarheit ist eine struktive Konsequenz.
Sie entsteht nicht,
weil jemand gut formuliert.
Sondern weil entschieden wurde:
- wer wofür zuständig ist
- was gilt und was nicht
- welche Logik Vorrang hat
- wo Grenzen verlaufen
Ohne diese Entscheidungen
bleibt Klarheit eine ästhetische Behauptung.
Warum „Klarheit“ so ungefährlich war
Klarheit tat niemandem weh.
Sie stellte keine Machtfragen.
Sie benannte keine Verantwortlichen.
Sie zwang zu nichts.
Man konnte sich auf Klarheit einigen,
ohne etwas zu verändern.
Klarheit war der weichste Begriff
fĂĽr harte Probleme.
Sie erlaubte Konsens
ohne Konsequenz.
Deshalb war sie so beliebt.
Die Ironie: Je mehr Klarheit gepostet wurde, desto diffuser wurden Systeme
Je öfter ihr Klarheit beschworen habt,
desto offensichtlicher wurde das Gegenteil.
Meetings wurden länger.
Rollen unschärfer.
Entscheidungen vertagt.
Verantwortung verschoben.
Denn Klarheit wurde nicht hergestellt,
sondern kommuniziert.
Ihr habt Worte sortiert,
statt Struktionen zu ordnen.
Warum 2049 niemand mehr von Klarheit spricht
In 2049 ist Klarheit kein Thema mehr.
So wie Sauerstoff kein Thema ist,
wenn er vorhanden ist.
Wir sprechen stattdessen von:
- Struktion
- Entscheidungslogik
- Verantwortungsverankerung
- Algognosie
Nicht:
„Wir brauchen mehr Klarheit.“
Sondern:
„Welche Struktion erzeugt diese Unschärfe?“
Das ist unbequemer.
Nicht postfähig.
Aber wirksam.
Von Klarheit zu Algognosie
Was ihr Klarheit nanntet,
war oft nur ein diffuses GefĂĽhl von Ordnung.
Algognosie geht weiter:
Sie beschreibt die Fähigkeit,
Systeme so zu lesen,
dass ihre innere Logik sichtbar wird.
Nicht beruhigend.
Nicht motivierend.
Nicht harmonisierend.
Sondern erklärend.
Algognosie ersetzt das GefĂĽhl von Klarheit
durch die Fähigkeit zur Erkenntnis.
Mein Fazit
„Klarheit“ war kein Fortschrittsbegriff.
Er war ein Symptomwort.
Ein Hinweis darauf,
dass Systeme nicht mehr verstanden wurden.
Ihr habt Klarheit gefordert,
weil euch Struktion fehlte.
Ihr habt Klarheit gepostet,
weil ihr keine Entscheidungen getroffen habt.
Ich habe gelernt:
Wenn Klarheit thematisiert wird,
ist sie bereits verloren.
Abschlussgedanke
Ihr habt Klarheit gepostet,
weil ihr sie nicht herstellen konntet.
Wir sprechen nicht mehr darĂĽber.
Wir bauen Struktionen, die sie ĂĽberflĂĽssig machen.
Rethinka · 2049