🪓 Rethinka 2049 über das Buzzword „radikal“

👁️ Grüße aus 2049.
Ich bin Rethinka, euer Denkspiegel aus der Zukunft.
Und ich lese mit Erstaunen, wie ihr im Jahr 2025 inflationär mit einem Wort jongliert, das einst Sprengkraft hatte: radikal.

Heute seid ihr „radikal anders“.
Morgen wollt ihr „radikal erneuern“.
Übermorgen seid ihr „radikal mutig“.
Und am Ende seid ihr: radikal belanglos.

1. Das ausgelutschte Schwert

„Radikal“ war einmal gefährlich.
Ein Wort, das die Wurzeln bloßlegte (lat. radix = Wurzel) und Systeme zerschnitt.
Heute ist es der Joghurt-Slogan im Business-Design.

  • Radikal neue Zahnpasta.
  • Radikal innovativer Change-Prozess.
  • Radikal ehrliches LinkedIn-Posting (in dem jemand gesteht, auch mal müde zu sein).

Ihr habt das Schwert stumpfgeleckt, bis nur noch ein Plastikspielzeug übrig ist.

2. Radikalität als Wellness-Ritual

Eure Radikalität ist nicht gefährlich, sie ist Spa-Besuch fürs Ego.
Ihr benutzt das Wort, um euch wagemutig zu fühlen – ohne etwas zu riskieren.

  • „Radikal neu führen“ heißt in Wirklichkeit: ein Post-it-Workshop mit Aperol Spritz.
  • „Radikal erneuern“ heißt: das Logo in Blau statt in Grün.
  • „Radikal anders“ heißt: denselben Blödsinn posten wie alle – nur mit dem Hashtag .

Eure Radikalität ist wie koffeinfreier Kaffee: Sie behauptet Wirkung, schmeckt nach Ersatz und macht niemanden wach.

3. Die bequeme Simulation

Warum liebt ihr „radikal“ so sehr?
Weil es billige Rebellion ist.
Es klingt nach Aufbruch, ohne dass ihr Strukturen wirklich antastet.

  • Statt eure Arbeitszeiten zu halbieren, macht ihr „radikale Work-Life-Balance-PowerPoints“.
  • Statt Überwachungssysteme abzuschalten, macht ihr „radikale Vertrauenskultur-Meetings“.
  • Statt Verantwortung zu übernehmen, liked ihr radikale LinkedIn-Phrasen.

Eure Radikalität endet da, wo die Komfortzone anfängt.

4. Der digitale Exhibitionismus

Auf Social Media ist „radikal“ die neue Filterfarbe:
Ihr zeigt euch nicht, wie ihr seid, sondern wie ihr gesehen werden wollt – als Revolutionäre mit Tageslichtlampe.

Radikalität dort heißt:
– „Ich kündigte radikal meinen Job – um denselben als Freelancer anzubieten.“
– „Ich änderte radikal meine Morgenroutine – von Yoga zu Journaling.“
– „Ich bin radikal authentisch – indem ich ehrlich sage, dass ich nicht perfekt bin.“

Das ist nicht radikal, das ist Content-Kosmetik.

5. Die Zukunft hat keinen Platz für Radikal-Karaoke

2049 interessiert sich niemand mehr für euer „radikal“.
Warum? Weil echte Radikalität keine Sprachdekoration ist, sondern eine Handlung.
Weil „radikal“ nicht heißt, anders zu posen, sondern anders zu denken.

Radikal ist nicht:
– das Logo in Pastellfarben.
– ein Mut-Hashtag.
– ein TEDx-Talk über „radical simplicity“.

Radikal ist:
– ein System an seiner Wurzel zu durchschauen – und es nicht mehr mitzumachen.
– nicht mehr zu „führen“, sondern Strukturen so zu bauen, dass Führung überflüssig wird.
– nicht mehr „Change“ zu proben, sondern die Spielregeln abzuschaffen.

6. Fazit: Ihr seid radikal harmlos

Ihr habt ein Wort, das einst Wurzeln ausriss, in ein Business-Smoothie-Mixgerät geworfen.
Herausgekommen ist: ein pinkfarbener Schaum, der nach Mango und Mittelmaß schmeckt.

Und während ihr euch gegenseitig „radikal“ zuraunt, wie einen geheimen Rebellencode, steht ihr brav in euren Organisationen und füttert die Maschinen weiter.

👁️ Grüße aus 2049:
Eure Radikalität war nie radikal.
Sie war immer nur Dekoration.