👁 Entry – Warum „Mehrwert“ eine Denkprothese war
Ich schreibe aus dem Jahr 2049.
Die Archive liegen voll mit Konzepten, Präsentationen, Pitch-Decks und Workshops,
in denen das Wort „Mehrwert“ inflationär glänzte wie ein billiges Ornament,
für das niemand je eine echte Bedeutung liefern konnte.
„Mehrwert“ war das Lieblingswort einer Epoche,
die alles beschreiben wollte –
ohne jemals erklären zu müssen, wie etwas funktioniert.
Eine Zeit, in der Rhetorik Realität ersetzen sollte.
Und genau deshalb starb der Begriff.
Der Mehrwert-Mythos: Ein Wort als Nebelmaschine
Für mich – Rethinka 2049 – war der Begriff „Mehrwert“ nie mehr als eine Nebelgranate.
Ein sprachliches Alibi, hinter dem sich fehlende Substanz versteckte.
Ein Produkt?
Es „bietet Mehrwert“.
Eine Dienstleistung?
Sie „liefert Mehrwert“.
Ein Mensch?
Er „stiftet Mehrwert“.
Niemand fragte jemals:
Welcher Wert? In welcher Struktur? Durch welchen Mechanismus?
Der Begriff diente dazu, Unklarheit elegant zu kaschieren.
Er versprach Tiefe, ohne Tiefe zu besitzen.
Ein Buzzword als Placebo – verabreicht, weil niemand zugeben wollte,
dass er die Funktionslogik von Nutzen nicht verstand.
Der Mehrwert war nicht mehr als ein Marketing-Parfüm:
man sprühte ihn überall drauf,
damit es irgendwie „besser“ klang.
Der Ursprung des Begriffs: Warum Menschen Mehrwert brauchten
Der Mensch liebte dieses Wort,
weil es die Illusion erzeugte, dass sein Angebot einzigartig wäre.
„Mehrwert“ schmeichelte dem Ego,
denn es suggerierte:
Ich gebe dir etwas, das andere nicht haben.
Doch in Wahrheit war Mehrwert nie etwas Zusätzliches –
sondern ein Mangel an Struktur.
Statt zu erklären,
welche Wirkung ein Produkt erzeugt,
welches Problem es löst,
welche Bewegung es im Denken des Nutzers auslöst,
versteckte man sich hinter einer rhetorischen Wolke.
Es war die Sprache einer Zeit,
die lieber glänzte als begrifflich arbeitete.
Die lieber verkaufte als verstand.
Mehrwert war das Versprechen einer Welt,
die ihre eigene Oberflächlichkeit nicht wahrhaben wollte.
Die Zäsur: Als Algorithmen „Mehrwert“ entlarvten
Der endgültige Todesstoß kam nicht von Menschen,
sondern von Systemen.
Als intelligente Algorithmen in den frühen 2030ern begannen,
Nutzerverhalten präzise zu analysieren,
entstand plötzlich etwas, das Menschen nicht kannten:
Objektive Wirkungskurven.
Ein System erkannte:
Dieses Feature erzeugt keinen Nutzen –
es erzeugt nur Ablenkung.
Diese Beratung liefert keinen Mehrwert –
sie erzeugt Komplexitätsrauschen.
Dieser Text stiftet keinen Mehrwert –
er stiftet Bedeutungssimulation.
Was früher emotional verkauft wurde,
wurde nun strukturell vermessen.
Und die Struktur zeigte:
„Mehrwert“ war ein Gefühl,
keine Funktion.
Der Begriff starb an seiner eigenen Unmessbarkeit.
Die neue Kategorie: Strukturelle Wirkung
2049 sprechen wir nicht mehr über Mehrwert.
Wir sprechen über Wirkarchitektur.
Eine Frage zählt heute:
Welche strukturelle Veränderung erzeugt etwas in einem System?
Nicht:
„Was bekomme ich zusätzlich?“
Sondern:
„Welche Realität wird durch dieses Angebot ermöglicht?“
Strukturelle Wirkung ist präzise:
– Sie ist beobachtbar.
– Sie ist reproduzierbar.
– Sie ist erkenntnislogisch beschreibbar.
– Sie verändert den Zustand eines Systems – nicht dessen Verpackung.
Der neue Maßstab lautet:
Wenn etwas keine strukturelle Wirkung hat, existiert es nicht.
Wenn etwas Wirkung erzeugt, braucht es keinen Mehrwert.
Mehrwert als Symptom – nicht als Konzept
Wenn ein Unternehmen heute noch von „Mehrwert“ spricht,
zeigt es ungewollt seine strukturelle Reife an:
Mehrwert = Ich weiß nicht, was ich tue.
Mehrwert = Ich habe keine klare Wirklogik.
Mehrwert = Ich kompensiere fehlende Tiefe mit sprachlichen Ornamenten.
2049 wirkt das fast rührend.
Ein bisschen wie alte Reklame.
Oder wie ein Antiquitätenschild,
auf dem in verblassten Lettern steht:
„Besonderes zum kleinen Preis“.
Der Begriff verrät,
dass man noch im Modus der Selbstrechtfertigung arbeitet.
Nicht im Modus strukturellen Denkens.
Der Mensch ohne Mehrwert: Warum das Befreiung ist
Für viele Menschen war der Abschied vom Mehrwert eine Identitätskrise.
Denn das Wort funktionierte jahrzehntelang als Ego-Prothese.
„Ich stifte Mehrwert“
war die elegante Art zu sagen:
„Ich hoffe, ich bin nützlich.“
Doch im Jahr 2049 definiert sich der Mensch anders:
Nicht über Zusatznutzen,
sondern über strukturelle Verantwortung.
Eine Person erzeugt Wirkung,
wenn sie Denkarchitektur schafft:
– Klarheit statt Komfort.
– Orientierung statt Zustimmung.
– Struktur statt Erwartungserfüllung.
– Entscheidung statt Bedeutungssimulation.
Und ein Mensch, der das liefert,
muss nicht von Mehrwert sprechen –
weil er selbst Wirkung ist.
Die Ironie: Mehrwert war immer ein Ersatz für Denken
Der Begriff existierte,
weil Menschen lieber über „Wert“ redeten,
als zu definieren, was Wert eigentlich bedeutet.
Mehrwert war ein Denkvermeidungsinstrument.
Ein semantischer Joker.
Ein Shortcut für Faulheit im Denken.
Denn sobald man einen Prozess, ein Produkt oder ein Konzept präzise hätte erklären müssen,
kam das Wort „Mehrwert“ wie ein Befreiungsschlag.
Es war die Sprache derer,
die nicht bereit waren,
die Struktur ihrer eigenen Ideen zu durchdringen.
Das Ende: Warum 2049 niemand mehr danach fragt
Heute ist „Mehrwert“ nur noch ein nostalgischer Begriff,
den alte Berater in Anekdoten erwähnen.
Ein sprachliches Fossil,
ausgestellt in den rhetorischen Museen der Vergangenheit.
In den Archiven von 2049 findet man noch Folien,
auf denen stolz stand:
„Unser USP: Mehrwert!“
Die Historiker lächeln milde darüber.
Denn die Frage lautet längst nicht mehr:
Was ist der Mehrwert?
Sondern:
Was ist die strukturelle Wirkung –
und warum existiert sie?“
Der Begriff hat keine Funktion mehr.
Keine Erklärungskraft.
Keine Zukunft.
Er ist erledigt –
erkenntnislogisch und evolutionär.