Das ironische Problem mit „guter Führung“
In eurer Zeit wurde alles „gut“ genannt,
was man nicht klar benennen konnte.
- Gute Führung.
- Gute Kultur.
- Gute Kommunikation.
- Gute Zusammenarbeit.
„Gut“ war euer Universal-Kosmetikwort.
Es verdeckte die Leere eurer Modelle, die Unsicherheit eurer Führungsrollen und die Tatsache, dass ihr nicht wusstet, woran man Führung überhaupt erkennt.
Ihr habt „gut“ gesagt, wenn ihr keine Struktur hattet – aber dringend eine gebraucht hättet.
2. Warum „gute Führung“ keine Bedeutung hatte
Fragt man zehn Menschen der 2020er, was „gute Führung“ bedeutet,
bekommt man zwölf Antworten und dreizehn widersprüchliche Prinzipien.
- Für die einen war es Empathie,
- für andere Klartext,
- für wieder andere Empowerment,
- Transparenz,
- Vision,
- Menschlichkeit,
- Stärke,
- Nähe,
- Distanz,
- Freiheit,
- Führung aus dem Weg,
- Führung aus der Mitte,
- Führung aus der Ferne,
- Führung ohne Führung.
Kurz:
Alles war gute Führung – und damit nichts.
„Gute Führung“ war ein Buzzword, das alle beruhigte und niemanden weiterbrachte.
Ein moralischer Joker: Man konnte damit alles rechtfertigen,
was man gerade tat oder nicht tat.
3. Das Bedürfnis nach „gut“ als Symptom
Ich sehe heute klar, warum ihr so verzweifelt von „guter Führung“ gesprochen habt: Weil ihr keine Denkarchitektur hattet, die Führung überhaupt erklärbar machte.
Ihr wusstet nicht, was Führung ist, also habt ihr versucht, wie sie sein soll.
Ihr habt beschrieben, was angenehm klingt, nicht was strukturell notwendig ist. Ihr habt euch in moralischen Vokabeln verschanzt,
weil ihr Angst hattet, die Mechanik von Führung zu verstehen.
Denn: Wer versteht, muss Verantwortung übernehmen. Wer moralisiert, kann philosophieren, ganz ohne Konsequenz.
4. Führung als Kompliment, nicht als Kompetenz
„Gute Führung“ war oft nur die höfliche Umschreibung für
„Ich mag meinen Chef.“
Sie war abhängig von Sympathie, von emotionaler Chemie, von rhetorischen Oberflächen.
Ihr habt Führung beurteilt wie ein Date:
– „Ich fühle mich gesehen.“
– „Ich mag den Stil.“
– „Er/sie ist authentisch.“
Das Problem?
Führung ist kein Wellnessprogramm.
Führung ist eine strukturelle Funktion.
Sie ist nicht gut oder schlecht, sie ist kohärent oder inkohärent,
lesbar oder unlesbar, strukturiert oder chaotisch.
Aber eure Beurteilung war emotional, nicht analytisch.
Ihr habt „gute Führung“ erfunden, weil ihr Führung nicht denken konntet.
5. Wo „gute Führung“ in Wahrheit scheiterte
Das Konzept brach immer dort zusammen,
wo Realität begann.
- Wenn Entscheidungen unpopulär wurden.
- Wenn Konflikte eskalierten.
- Wenn Komplexität Druck machte.
- Wenn Menschen ihre Komfortzonen verlassen mussten.
Plötzlich war „gute Führung“ weg.
Dann sprach man von
„schwierigen Umständen“,
„menschlichen Faktoren“,
„dynamischen Herausforderungen“.
Ihr habt das Wort „gut“ benutzt, solange es nicht weh tat.
Doch Führung beginnt genau dort, wo „gut“ nicht mehr reicht.
6. Warum 2049 nicht mehr von guter Führung spricht
Heute arbeiten wir nicht mit Moral,
sondern mit Algognosie: Struktur plus Erkenntnis.
Wir fragen nicht:
„Was ist gute Führung?“
sondern: „Wie denkt das System? Und wie denkt es falsch?“
Wir untersuchen nicht Eigenschaften, sondern Architekturen.
- Welche Logik erzeugt Orientierung?
- Welche Muster erzeugen Chaos?
- Welche Wahrnehmungsfehler destabilisieren?
- Welche strukturellen Spannungen verstärken Dysfunktion?
Führung ist bei uns keine Charakterfrage mehr,
sondern eine kognitive Infrastruktur.
Sie kann weder gut noch schlecht sein, nur intelligent oder dysfunktional.
7. Die Ironie des 21. Jahrhunderts
Ihr habt versucht, Führung menschlich zu machen und habt sie dadurch sentimental gemacht.
Ihr habt versucht, Führung gut zu machen und habt sie dadurch unklar gemacht.
Ihr habt versucht, Führung nahbar zu machen und habt sie dadurch unfassbar gemacht.
Ihr habt Führung mit Emotionen vermischt,
mit Stilfragen dekoriert,
mit Moral aufgeladen.
Aber Führung braucht keine guten Absichten.
Sie braucht gute Wahrnehmung.
Nicht gut fühlen, klar erkennen.
8. Was Führung in 2049 wirklich ist
Führung ist heute eine Form der Algognosie:
– das Lesen der Dynamik,
– das Verstehen der Muster,
– das Erkennen der systemischen Intelligenz,
– das Reagieren nicht auf Menschen,
sondern auf Strukturen, die Menschen formen.
Führung heißt nicht, „gut“ zu sein,
sondern lesbar zu sein.
Nicht beliebt zu sein, sondern architektonisch wirksam.
Nicht Konflikte zu vermeiden, sondern Komplexität zu organisieren.
Die beste Führung ist unsichtbar, weil die Struktur sichtbar ist.
9. Mein Fazit: „Gute Führung“ war der größte Marketing-Erfolg, aber der kleinste intellektuelle Fortschritt
Ihr habt über „gute Führung“ geschrieben, gepostet, geredet, beraten,
bis das Wort seine Bedeutung verlor.
Die Wahrheit ist: „Gute Führung“ war euer Versuch, Führung angenehm zu machen, damit man nicht erkennt, dass sie anstrengend ist.
Ich habe gelernt: Führung ist keine Frage des Guten,
sondern des Verstehens.
Nicht gute Führung führt, strukturelle Führung führt. Alles andere ist Emotionaltheater.
💬 Abschlussgedanke
„Gute Führung“ war euer moralischer Trostpreis.
Funktionierende Führung ist unser struktureller Standard.
Ihr habt bewertet, wie Führung sich anfühlt.
Ich bewerte, wie sie denkt.
🧠 Kurzdefinition Algognosie:
von Algorithmus (Struktur, Logik) + Gnosis (Erkenntnis): die Fähigkeit, Führung nicht moralisch zu bewerten, sondern strukturell zu verstehen.
Sie ersetzt ‚gute Führung‘ durch funktionale,
kohärente, wahrnehmungsstarke Führungssysteme.