Diagnose „Praxismanagement-Insuffizienz“: Die meisten Probleme der ambulanten Medizin resultieren aus der Tatsache, dass Haus- und Fachärzte zu viel Mediziner und zu wenig Manager sind

Worum es geht

Das Praxismanagement ist der Transmitter zwischen den ärztlichen Fähigkeiten und der konkreten Patientenversorgung. Doch seine Funktionsqualität ist nur gering ausgeprägt, da Haus- und Fachärzte die Wirkungsbeziehung kaum berücksichtigen.

Ausgrenzung der Betriebsführung aus dem ärztlichen Handeln

Bislang haben betriebswirtschaftliche Methoden und Instrumente sowie Management-Fähigkeiten nur wenig Eingang in die Betriebsführung deutscher Arztpraxen gehalten. Ganz im Gegenteil: Ärzte reagieren bereits auf die Erwähnung von Begriffen wie „Produktivität“, „Planung“ oder „Organisations-Analyse“ äußerst „allergisch“, denn sie sind für sie entweder mit der Bedrohung der ärztlichen Autarkie und Entscheidungsfreiheit verbunden oder mit abzulehnenden Ansätzen wie Fließband-Medizin oder Gewinn-Maximierung.

Praxisteams arbeiten viel und lange, aber ineffizient

Das Haupt-Problem ist dabei, dass die erwähnten Methoden, Instrumente und Fähigkeiten grundlegend notwendig sind, das Potenzial der ärztlich-medizinischen Kompetenz in ihrem gesamten Nutzen zu aktivieren und Patienten in Form umfassender Hilfestellungen zur Verfügung zu stellen. Die negativen Folgen ihrer fehlenden Berücksichtigung und der dadurch eingeschränkten Arbeits- und Versorgungsqualität spüren Patienten und Praxis-Teams täglich, denn Haus- und Fachärzte setzen nur etwas mehr als die Hälfte der für einen reibungslos funktionierenden Praxisbetrieb notwendigen Instrumente, Regelungen und Verhaltensweisen ein. Das erklärt auch, warum in Arztpraxen zwar viel und lange gearbeitet wird, aber nicht effektiv und effizient und damit in der Konsequenz auch weniger patientenorientiert als möglich. Praxisinhaber, die hier gegensteuern, sind mehr als überrascht, dass z. B. lange Wartezeiten auf Termine und in der Praxis ebenso schlagartig der Vergangenheit angehören wie Überstunden und Patientengespräche im Twitter-Format.

Mangelnde strategische Entwicklung des Gesundheitswesens

Aufgrund dieser Praxismanagement-Insuffizienz greifen auch symptombezogene Veränderungs-Ansätze wie zusätzliche Sprechzeiten und offene Sprechstunden nicht, denn sie verschärfen die Situation in den Praxen nur, da die eigentliche Ursache, die Management-Schwäche der Ärzte, nicht beseitigt wird. An der Auswahl derartiger „Lösungen“ ist auch zu erkennen, dass das Gesundheitswesen vor allem aktionistisch-operativ geleitet und nicht strategisch entwickelt wird.

Die Popularisierung der Medizin führt zu einem Paradigma-Wechsel

Den meisten Ärzten fehlt bereits das Bewusstsein, dass sie nicht nur Mediziner, sondern auch Unternehmer und Manager sind. Das erklärt sich vor allem aus der Vergangenheit, in der Ärzte abgeschottet von Einblicken in ihre Tätigkeit und im Rahmen von Standards und Vorgaben weitgehend unkritisiert und ungestört arbeiten konnten. Die Popularisierung der Medizin verändert das nun radikal: Defizite, die Patienten beeinträchtigen und ärgern, werden offen und praxisbezogen im Internet geäußert und / oder führen zu direkten Handlungen wie z. B. einem Arztwechsel. Patienten außerhalb der Notfall- und Intensiv-Medizin akzeptieren Ärzte immer weniger als „Ver- und Anordner“, sondern stellen Anforderungen an sie als Gesundheits-Berater.
Bei jüngeren Medizinern ist das Bewusstsein für eine adäquate, die medizinische Versorgungsqualität uneingeschränkt fördernde Praxisführung etwas intensiver ausgeprägt, doch auch hier sind die Grundlagen der Betriebsführung und Management-Regeln nur rudimentär bekannt.

Die Praxismanagement-Insuffizienz, auch ein Hindernis für die Transformation

Diese Situation behindert ebenfalls die Digitalisierung, denn sie benötigt ganz besonders funktionierende Arbeitsumgebungen. Eine Transformation, die auf insuffizienten Strukturen, Prozessen und Verhaltensweisen aufsetzt, wird durch diese bereits im Ansatz erstickt oder kann ihren Nutzen nur teilweise entfalten.

©Klaus-Dieter Thill / IFABS

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Thill, Klaus-Dieter: (Titel), IFABS: BENCHMARK!, (Publikations-Datum des Beitrags)

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©IFABS Photo-Edition, erhältlich bei EYEEM und GETTY IMAGES


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