Rethinking: Wenn dein Coach oder Berater sich wichtiger nimmt als deine Lösung

Warum Führungskräfte narzisstische Berater meiden sollten – und wie man sie erkennt

Die stille Bühne des digitalen Egos

In einer Welt, in der Selbstinszenierung zum Standard geworden ist, verschwimmen die Grenzen zwischen Professionalität und Persönlichkeitsvermarktung. Besonders deutlich zeigt sich das bei Coaches und Beratern, die in sozialen Medien omnipräsent sind – mit Selfies am Strand, emotional aufgeladenen Posts über persönliche Krisen oder inszenierten Erfolgsmomenten. Was auf den ersten Blick wie cleveres Personal Branding erscheint, kann auf den zweiten Blick ein ernstes Warnsignal sein: Narzissmus. Und für Führungskräfte, die genau solche Berater engagieren, kann das fatale Folgen haben – für die Qualität der Beratung, das eigene Team und die Umsetzung der Ergebnisse.

Was Narzissmus im Beratungskontext wirklich bedeutet

Narzissmus ist in der Psychologie ein vielschichtiges Konstrukt. Im Kern beschreibt er ein übersteigertes Bedürfnis nach Bewunderung, mangelnde Empathie, ein grandioses Selbstbild und ein manipulierendes Kommunikationsverhalten. Klinisch betrachtet unterscheidet man zwischen offenem und verdecktem Narzissmus – beide Formen sind in der Beratungsbranche verbreitet. Während der offene Narzisst laut, dominant und sichtbar inszeniert, tarnt sich der verdeckte Narzisst hinter Selbstlosigkeit und übertriebener Bescheidenheit, um dennoch zentrale Rollen zu besetzen.

Ein Berater mit narzisstischer Prägung nutzt Beratung nicht als Mittel zur Problemlösung des Klienten, sondern als Bühne zur Selbstdarstellung. Der Klient – und damit auch sein Anliegen – wird zum Statisten degradiert. Das ist nicht nur unethisch, sondern schädlich.

Der gefährliche Irrtum: Narzissmus ist kein Feature – er ist ein Risikofaktor

Beratungsergebnis: Suggestion statt Lösung

Narzisstische Berater liefern keine echten Lösungen, sondern narrative Konstrukte, die beeindrucken sollen – nicht wirken. Sie denken in Slogans, nicht in Systemen. Die Tiefe echter Reflexion wird durch glänzende Oberflächen ersetzt. Die Folge: Die Beratung bleibt an der Oberfläche, Symptome werden rhetorisch gecoacht, Ursachen ignoriert.

Teamdynamik: Misstrauen statt Mitnehmen

Ein narzisstischer Berater destabilisiert Teams. Er sucht Verbündete, keine Teilnehmer. Er erzeugt Abhängigkeit statt Autonomie, spaltet statt verbindet. In Workshops lenkt er subtil die Aufmerksamkeit auf sich selbst – sei es durch provokante Thesen, Show-Elemente oder dominante Selbstdarstellung. Das Team fühlt sich nicht verstanden, sondern manipuliert.

Umsetzung: Monolog statt Multiperspektive

Strategien, die durch narzisstische Brillen entwickelt werden, sind selten anschlussfähig. Sie tragen das Ego ihres Erfinders in sich und nicht die DNA des Unternehmens. Es entsteht eine Kluft zwischen Schein und Sein, zwischen Beratung und Realität – oft mit dem Ergebnis, dass Maßnahmen scheitern oder nie wirklich implementiert werden.

Psychologisch betrachtet: Warum narzisstische Berater so anziehend wirken

Narzisstische Berater erscheinen auf den ersten Blick charismatisch, souverän, visionär. Sie versprechen schnelle Transformation, denken in Superlativen und erzeugen eine Aura der Unwiderstehlichkeit. In Zeiten von Druck, Unsicherheit oder Entscheidungsnot sprechen sie damit ein tiefes Bedürfnis vieler Führungskräfte an: den Wunsch nach Orientierung, nach Klarheit, nach einem starken Gegenüber.

Doch genau hier liegt die psychologische Falle: Die Projektionsfläche, die der Berater bietet, dient nicht dem Klienten – sie dient sich selbst. Der Berater wird zum Leuchtturm, aber nie zur Brücke. Was fehlt, ist die Fähigkeit zur wirklichen Beziehung – zur empathischen, reflektierten, dialogorientierten Begleitung.

Der Selbstbetrug des Marktes: Sichtbarkeit ersetzt keine Qualität

In sozialen Medien gilt oft: Wer sichtbar ist, ist scheinbar relevant. Doch in Wahrheit ist Sichtbarkeit kein Qualitätsindikator, sondern nur ein Algorithmus-Ergebnis. Wer sich selbst permanent als Held seiner eigenen Geschichte darstellt, offenbart in Wahrheit häufig eines: einen Mangel an echter professioneller Reife. Denn reife Berater wissen, dass echte Wirksamkeit oft unsichtbar bleibt. Sie lassen Ergebnisse sprechen, nicht ihre eigene Stimme.

Rethinking mit der R2A-Formel: Wie du narzisstische Berater zuverlässig erkennst

Gerade in der Auswahl von Beratern und Coaches lohnt sich Rethinking. Denn hier geht es nicht um Dienstleister, sondern um Denkpartner. Und Denkpartner sollten dein Denken fördern – nicht dein Vertrauen missbrauchen. Nutze die R2A-Formel – Reflect. Analyze. Advance. – um Klarheit zu gewinnen:

REFLECT: Beobachte die Selbstinszenierung bewusst

• Welche Inhalte teilt der Berater?

• Sind es persönliche Erlebnisse mit hoher emotionaler Dramatik?

• Geht es um Erkenntnisse für andere – oder um die Glorifizierung der eigenen Biografie?

Rethinking-Frage: Dient der Content der Lösung anderer – oder der Bestätigung des eigenen Egos?

ANALYZE: Unterscheide zwischen Marketing und Persönlichkeitsauffälligkeit

• Wird der eigene Lebensweg ständig als Heldengeschichte dargestellt?

• Gibt es Raum für Zweifel, Reflexion, Demut?

• Wie werden Klientenerfolge präsentiert – mit Fokus auf die Klienten oder auf die eigene Rolle?

Rethinking-Frage: Kann der Berater zuhören – oder nur senden?

Tipp: Suche nach Testimonials, die von echter Zusammenarbeit erzählen – nicht von Heilsversprechen oder Wunderwirkungen.

ADVANCE: Entscheide bewusst für Wirksamkeit statt Wirkung

• Frage im Erstgespräch gezielt nach Misserfolgen oder Lernmomenten – und beobachte die Reaktion.

• Achte auf die Tiefe von Fragen, nicht auf die Eloquenz der Antworten.

• Prüfe, ob dein Gegenüber dich wirklich meint – oder nur sich selbst in dir sucht.

Rethinking-Frage: Bin ich im Zentrum dieses Gesprächs – oder sein Selbstbild?

Fazit: Entscheide nicht nach Wirkung, sondern nach Wirkungstiefe

Wer als Führungskraft einen narzisstischen Berater engagiert, kauft Glanz – aber nicht Gehalt. Die Beratung mag kurzfristig beeindrucken, langfristig jedoch wirkt sie toxisch. Echte Beratung ist unspektakulär, aber wirksam. Sie braucht keine Bühne, sondern Präsenz. Keine Inszenierung, sondern Integrität.

Wenn du Rethinking anwendest, erkennst du den Unterschied: Zwischen einem Berater, der dein Denken stärkt – und einem, der nur sein eigenes zur Schau stellt.

Mindshiftion:

Wähle keinen Berater, der sich selbst feiern will – sondern einen, der dein Denken feiern kann.