Entwicklung des Gesundheitswesens: Drei Mainstreams blockieren

Worum es geht

Bei der Betrachtung der aktuellen Entwicklungen im Gesundheitswesen sind drei Trends identifizierbar, die die notwendigen Veränderungen deutlich behindern.

Zu geringe Analyse-Tätigkeit

Untersucht man die Vorgehensweisen, die Akteure des Gesundheitswesens im Bereich der Markt-, Kunden- und Patientenanalysen umsetzen, ist auffällig, wie weit verbreitet Annahmen oder Ableitungen aus Indikatoren (keine Beschwerden = 100% Zufriedenheit) sind, um sich ein Bild der Realität zu machen. Werden Untersuchungen durchgeführt, finden sich vielfach methodische Mängel, z. B. dadurch, dass bei Befragungen Schulnoten-Skalierungen zum Einsatz kommen.
Auch Mitarbeiteranalysen werden nur selten durchgeführt, dabei könnte hierdurch ein immenses Ideen-Potenzial aktiviert werden, doch der Aufwand erscheint vielen Entscheidern zu hoch, die möglichen Widerstände als zu groß und die Ergebnisse zu unberechenbar.

Funktionsanalysen liegen ebenso nicht im Trend. Beispielsweise haben bislang erst knapp 30% der Haus- und Fachärzte eine professionelle Untersuchung ihrer Organisation durchgeführt. Nach wie vor werden zudem Fehler immer noch in der Hauptsache negativ-emotionalisiert und personenbezogen betrachtet und nicht als Chance für Verbesserungen.

Proklamationen ohne Konkretisierung

Die öffentlichen Diskussionen im Gesundheitswesen sind laut geworden. Das ist zunächst kein Nachteil, denn es ist der Ausdruck von Transparenz und Gleichberechtigung der Akteure. Hinzu kommt allerdings, dass in Rahmen des medialen Zwangs zur Aufmerksamkeits-Erzeugung viele Informationen weit über das Ziel hinausschießen. Insbesondere die Digitalisierung ist hier ein Negativ-Beispiel in doppelter Hinsicht, denn die Argumente für Transformations-Lösungen tragen oftmals nicht nur missionarisch-einseitige Züge, sondern schrecken gleichzeitig die Zielgruppen, für die sie konzipiert wurden, ab („KI ist der bessere Arzt!“).

Ein weiterer Aspekt der Proklamationen ist ihr oftmals geringer Konkretisierungs-Grad: es werden Fakten und Forderungen in den Raum gestellt, auf Umsetzungs- und Anwendungsanleitungen aber verzichtet.

Langsame Aktionen und Reaktionen

Die beiden Trends werden durch eine grundsätzlich zögerliches Handeln ergänzt. Ob Medizin-Bereich oder Industrie, immer wieder werden mit der Rechtfertigung, die eingesetzten Strukturen und Prozesse hätten doch schon immer Bestand gehabt und funktioniert, eigentlich notwendige Veränderungen verhindert oder hinausgezögert.

Hinzu kommt ein fehlendes Methodenwissen, denn nach wie vor gelten betriebswirtschaftliche Instrumente bei Teilen der Akteure als nicht akzeptabel, da sie die Ökonomisierung förderten, aber nicht die Versorgungsqualität. Außerdem wehren sich Ärzte in Klinik und Praxis nach wie vor gegen ein Eindringen Fachfremder, die jedoch bei Kernproblemen wie Management oder Organisation als einzige Hilfestellung bieten können.

Die Lösung ist individuell

Doch es gibt auch viele Lichtblicke in Form von Aktivitäten Einzelner, die die Sachlage erkannt und als Chance für sich genutzt haben, deren Erfolge aber – leider – meist nicht publik werden und als Anwendungsbeispiele fungieren könnten. Voraussetzung ist vor allem, sich nicht von dem häufig verwendeten Pauschal-Argument einer geringen Gestaltungsfreiheit im Gesundheitswesen fehlleiten zu lassen, aktiv zu werden und auch einzukalkulieren, dass nicht alles auf Anhieb klappen wird, also einfach unternehmerisch zu denken und zu handeln.

©Klaus-Dieter Thill / IFABS

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Thill, Klaus-Dieter: (Titel), IFABS: BENCHMARK!, (Publikations-Datum des Beitrags)

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©IFABS Photo-Edition, erhältlich bei EYEEM und GETTY IMAGES


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