„Management mit medizinischer Präzision“
Die Diskrepanz zwischen Medizin- und Praxismanagement
Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sind wahre Meister der Diagnostik. Sie erfassen Symptome, leiten gezielte Untersuchungen ein, analysieren Befunde und treffen auf dieser Basis fundierte Therapieentscheidungen. Ihre Expertise liegt in der systematischen Identifikation und Behandlung von Defiziten – ein hochpräziser, evidenzbasierter Prozess.
Umso bemerkenswerter ist es, dass diese diagnostische Strenge oft nicht auf die eigene Praxisführung übertragen wird. Während in der Medizin Fehleranalysen essenziell sind, um Behandlungsstrategien zu optimieren, dominiert im Management der eigenen Praxis eine vollkommen andere Perspektive: eine tendenziell positive Selbstwahrnehmung. Herausforderungen wie Fachkräftemangel, bürokratische Hürden oder steigende Kosten werden als externe Störfaktoren betrachtet – selten jedoch als Symptome einer internen Dysfunktion. Dies widerspricht der unternehmerischen Eigenverantwortung, die eine erfolgreiche Praxisführung erfordert.
Deshalb ist ein Rethinking notwendig: Ärztinnen und Ärzte sollten ihre eigene Praxisführung mit derselben Präzision und kritischen Distanz analysieren, die sie in ihrer medizinischen Tätigkeit als selbstverständlich erachten, zum Vorteil ihrer Patienten, ihres Personals und zu ihrem eigenen Nutzen.
Der blinde Fleck im Praxismanagement: Warum Ärztinnen und Ärzte sich selbst ausklammern
Viele Praxisinhaber sind überzeugt, dass ihre Praxis im Wesentlichen zuverlässig funktioniert – schließlich werden Patientinnen und Patienten versorgt, das Team arbeitet, und wirtschaftliche Ergebnisse stellen sich ein. Die Ursachen von Problemen werden meist außerhalb der eigenen Einflussmöglichkeiten verortet. Diese Perspektive führt dazu, dass eine tief gehende Analyse des eigenen Managements ausbleibt.
Übertragen auf die Medizin wäre dies vergleichbar mit einer Ärztin oder einem Arzt, der bei Patient:innen-Beschwerden ausschließlich äußere Faktoren wie Wetter, Ernährung oder Stress als Ursache heranzieht – ohne eine eingehende Untersuchung durchzuführen. Die Verantwortung für die Funktionalität der eigenen Praxis liegt jedoch, wie in der Medizin selbst, bei der Person, die sie führt. Nur durch eine systematische und umfassende Analyse lassen sich strukturelle und organisatorische Defizite identifizieren – und gezielte Verbesserungen umsetzen.
Der Best Practice-Standard als Leitlinie für unternehmerischen Erfolg
In der Medizin bilden evidenzbasierte Leitlinien den Goldstandard für optimale Behandlungsstrategien. So etwas existiert auch im Praxismanagement: der Best-Practice-Standard, ein Set unbedingt notwendiger Prinzipien, Strukturen und Instrumente, die eine effiziente und langfristig erfolgreiche Praxisführung auch unter wechselnden Anforderungen überhaupt erst ermöglichen.
Doch Praxismanagement-Betriebsvergleiche zeigen, dass nur ein geringer Teil der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte diesen Standard umsetzt – nicht etwa aus Mangel an Kompetenz, sondern weil eine fundierte Management-Diagnostik fehlt. Eine Zahl verdeutlicht das Dilemma: in Haus- und Facharztpraxen werden gegenwärtig im Mittel lediglich 52 % der Best Practice-Leitlinie umgesetzt, was einem ungenutzten Potenzial von 48 % entspricht.
Solange der eigene Status quo nicht realistisch eingeschätzt wird, bleiben diese Erfolgsfaktoren weitgehend ungenutzt. Wer jedoch ein Rethinking seines Praxismanagements wagt, kann sich bewusst am Best-Practice-Standard orientieren – und nachhaltigen unternehmerischen Erfolg sichern.
Mit der R2A-Formel zur fundierten Praxisanalyse
Die R2A-Formel des Rethinkings (Reflect. Analyze. Advance.) bietet einen klar strukturierten Ansatz, um das Praxismanagement mit derselben methodischen Präzision zu evaluieren, die in der medizinischen Diagnostik selbstverständlich ist.
Reflect: Die Realität anerkennen
Der erste Schritt erfordert eine ehrliche Bestandsaufnahme. Dazu gehört eine kritische Reflexion über zentrale Fragen wie:
- Wo treten in meiner Praxis wiederkehrende Probleme auf?
- Welche Prozesse funktionieren nicht optimal?
- Wo gibt es Unzufriedenheit – bei Patient:innen, Mitarbeiter:innen oder mir selbst?
- Welche Managementbereiche vernachlässige ich bewusst oder unbewusst?
Diese Reflexion macht den eigenen blinden Fleck sichtbar und schafft die Grundlage für gezielte Veränderung.
Analyze: Best Practice als Maßstab nehmen
Der zweite Schritt besteht darin, das eigene Praxismanagement von der Strategie über die Mitarbeiterführung, Organisation und Selbstmanagement, Marketing und Patientenbetreuung bis zum Controlling systematisch mit Best-Practice-Standard zu vergleichen, ein Benchmarking-Verfahren, das in kurzer Zeit und ohne großen Aufwand in Eigenregie durchführbar ist.
Advance: Gezielte Veränderungen umsetzen
Im letzten Schritt geht es um die konkrete Umsetzung der in der Analyse-Phase durch das Benchmarking generierten Veränderungs-Notwendigkeiten und Verbesserungs-Möglichkeiten. Hierfür liefert u. a. das Rethinking-Dashboard der Benchmarking-Analyse alle Informationen auf einen Blick. Statt nach Schuldigen zu suchen, gilt es, aktiv Lösungen zu gestalten. Diese Herangehensweise führt nicht nur zu einer nachhaltig leistungsfähigeren Praxis, sondern reduziert auch den Stress und die Unsicherheiten, die aus einer unstrukturierten Praxisführung resultieren.
Fazit: Unternehmerische Verantwortung beginnt mit einer ehrlichen Diagnose
Ärztinnen und Ärzte, die in der eigenen Praxisführung ausschließlich das Positive sehen und Probleme auf externe Faktoren schieben, verschenken wertvolle Optimierungspotenziale. Wer hingegen eine systematische Diagnostik durchführt und sich am Best-Practice-Standard orientiert, schafft eine solide Grundlage für langfristigen Erfolg.
Wie in der Medizin beginnt auch unternehmerische Exzellenz mit einer präzisen Analyse und einem klar strukturierten Handlungsplan. Die R2A-Formel bietet das methodische Fundament, um diesen Prozess bewusst zu gestalten – für eine Praxis, die nicht nur medizinisch exzellent, sondern auch organisatorisch und wirtschaftlich optimal aufgestellt ist.
Weiterführende Literatur
Thill, K.-D.: Benchmarking des Praxismanagements für Haus- und Fachärzte: Methode, Anwendung und Nutzen, Neobooks, 2024 oder als PDF-Skript: https://bit.ly/43qoK9C