Bei einer Praxisübernahme werden viele Werte geprüft. Der Organisationsstand meist nicht.

Warum die organisatorische Ausgangslage eine eigene Referenzinformation verdient

Wer eine Arztpraxis übernimmt, möchte wissen, was er übernimmt. Umsätze und Kosten werden betrachtet, Fallzahlen analysiert, Personalstrukturen erfasst, Verträge geprüft und Investitionen bewertet. Hinzu kommen je nach Praxis weitere wirtschaftliche und rechtliche Informationen. Das ist selbstverständlich. Schließlich soll die Ausgangslage möglichst genau bekannt sein, bevor eine weitreichende Entscheidung getroffen wird.

Bei einem Bereich ist diese Informationslage häufig weniger eindeutig: bei der Praxisorganisation. Natürlich sieht der Nachfolger, wie die Praxis arbeitet. Er lernt Mitarbeiter kennen, erlebt Abläufe und erhält einen Eindruck davon, wie Termine organisiert, Informationen weitergegeben oder Aufgaben erledigt werden. Was daraus jedoch nicht hervorgeht, ist eine objektive Einordnung des organisatorischen Entwicklungsstands gegenüber externen Referenzen.

Damit kann eine bemerkenswerte Situation entstehen: Eine Praxis ist wirtschaftlich sehr genau beschrieben, während ihr organisatorischer Ausgangszustand weitgehend aus Eindrücken und Erfahrungen beurteilt wird.

Mit der Übernahme wird auch eine Organisation übernommen

Eine Praxis besteht nicht nur aus Patientenstamm, Räumen, Personal, Geräten, Verträgen und wirtschaftlichen Größen. Übernommen wird zugleich eine über Jahre entstandene Organisation. In ihr haben sich Abläufe entwickelt, Zuständigkeiten herausgebildet und Formen der Zusammenarbeit etabliert. Manche Regelungen sind ausdrücklich festgelegt, andere beruhen auf Erfahrung. Mitarbeiterinnen wissen, wie bestimmte Situationen gehandhabt werden. Der bisherige Praxisinhaber ist möglicherweise an zahlreichen Stellen selbst Teil dieser eingespielten Ordnung.

Das alles kann ausgesprochen gut funktionieren. Für den Nachfolger stellt sich dennoch eine andere Frage: Wie ist diese vorhandene Organisation gegenüber einer externen organisatorischen Referenz aufgestellt? Die Antwort darauf lässt sich weder aus dem Umsatz noch aus der Fallzahl oder dem Betriebsergebnis ableiten.

Wirtschaftlicher Erfolg beschreibt nicht den Organisationsstand

Eine wirtschaftlich erfolgreiche Praxis kann organisatorisch sehr unterschiedlich aufgestellt sein. Das ist kein Widerspruch. Wirtschaftliche Kennzahlen und organisatorische Referenzinformationen messen schlicht unterschiedliche Sachverhalte. Eine Praxis kann gute wirtschaftliche Ergebnisse erzielen und gleichzeitig einen Teil ihrer Funktionsfähigkeit über langjährige Erfahrung, persönliche Abstimmung oder das besondere Wissen einzelner Mitarbeiterinnen sicherstellen. Eine andere Praxis kann wirtschaftlich ähnlich dastehen, ihre Abläufe jedoch in wesentlich stärkerem Umfang über organisatorische Regelungen und Instrumente absichern.

In der betriebswirtschaftlichen Betrachtung können beide Praxen vergleichbar erscheinen. Organisatorisch müssen sie es nicht sein. Gerade für einen Nachfolger ist diese Unterscheidung relevant. Denn mit dem Wechsel des Praxisinhabers verändert sich ausgerechnet eine Person, die häufig tief in die bestehende Organisation eingebunden ist.

Eine zusätzliche Zahl für den organisatorischen Ausgangszustand

Hier können organisatorische Referenzinformationen die vorhandenen Informationen über eine Praxis ergänzen. Der Organisations-Referenzvergleich (ORV) bestimmt, in welchem Umfang eine Praxis die organisatorischen Merkmale eines definierten Best-Practice-Referenzstandards umsetzt. Dieser umfasst Verfahren, Instrumente und Verhaltensweisen, die sich auf empirischer Grundlage als wesentlich dafür erwiesen haben, dass ein Praxisbetrieb auch unter wechselnden Anforderungen und Belastungen verlässlich und möglichst reibungslos funktioniert. Grundlage sind Auswertungen aus mehreren tausend Arztpraxen.

Erreicht eine Praxis beispielsweise einen Best-Practice-Umsetzungsgrad von 64 Prozent, bedeutet dies zunächst: 64 Prozent der im Best-Practice-Referenzstandard erfassten organisatorischen Merkmale werden in dieser Praxis umgesetzt. Ergänzend lässt sich dieser Wert dem durchschnittlichen Umsetzungsgrad der jeweiligen Fachgruppe gegenüberstellen. Damit erhält der Nachfolger eine Information, die in den üblichen wirtschaftlichen Praxisdaten nicht enthalten ist: eine quantifizierbare Einordnung der Organisation, die er übernimmt.

64 Prozent sind weder Kaufargument noch Warnsignal

Gerade im Zusammenhang mit einer Praxisübernahme ist eine klare Abgrenzung wichtig. Ein organisatorischer Referenzwert ist keine Kaufempfehlung. Er entscheidet nicht darüber, ob eine Praxis übernommen werden sollte, und er ersetzt weder die wirtschaftliche noch die rechtliche Prüfung. Auch ein bestimmter Best-Practice-Umsetzungsgrad darf nicht als Gütesiegel oder Risikokennzahl für eine Praxisübernahme interpretiert werden. 64 Prozent bedeuten nicht, dass 36 Prozent der Organisation problematisch wären. Ebenso wenig bedeutet ein hoher Wert, dass die Übernahme organisatorisch problemlos verlaufen wird.
Der ORV beantwortet eine wesentlich enger gefasste Frage: Wie vollständig setzt die Praxis zum Zeitpunkt der Betrachtung die im Best-Practice-Referenzstandard erfassten organisatorischen Merkmale um? Das ist eine zusätzliche Information. Nicht mehr – aber eben auch nicht weniger.

Besonders interessant ist der Blick hinter den Gesamtwert

Für einen Praxisnachfolger dürfte dabei nicht nur der Gesamtwert interessant sein. Zwei Praxen können beispielsweise jeweils 64 Prozent des Best-Practice-Referenzstandards erreichen und dennoch unterschiedliche organisatorische Ausgangslagen besitzen. Die Abstände zur Referenz können sich auf unterschiedliche Bereiche verteilen. Hinzu kommt die Mehrperspektivität. In die Referenzinformation fließen die Einschätzung des Praxisinhabers, die Erfahrungen der Medizinischen Fachangestellten und die Wahrnehmung der Patienten ein.

Gerade bei einer Praxisübernahme ist das aufschlussreich. Denn der organisatorische Status wird damit nicht ausschließlich aus der Sicht des bisherigen Inhabers beschrieben. Der Nachfolger erhält keine fertige Interpretation seiner zukünftigen Praxis. Er bekommt zusätzliche Informationen über die organisatorische Ausgangslage, die er selbst einordnen kann.

Der Wert kann auch nach der Übernahme interessant bleiben

Eine Praxisübernahme ist zudem kein Zeitpunkt, an dem Organisation stehen bleibt. Der neue Inhaber wird eigene Entscheidungen treffen. Vielleicht verändert er Zuständigkeiten, führt andere digitale Anwendungen ein, entwickelt Abläufe weiter oder setzt andere Schwerpunkte in der Zusammenarbeit. Damit entsteht nach einiger Zeit eine neue organisatorische Situation.

Wurde der Referenzstatus zum Ausgangszeitpunkt bestimmt, existiert ein Bezugspunkt. Eine spätere erneute Bestimmung kann dann zeigen, ob und wie sich die Position gegenüber derselben Best-Practice-Referenz verändert hat. Aus einer Information über den übernommenen Zustand kann so eine Verlaufsinformation werden.

Nicht im Sinne einer Kontrolle des Vorgängers und auch nicht als Nachweis, dass der Nachfolger die Praxis „verbessert“ hat. Die Werte zeigen lediglich, wie sich die Umsetzung der erfassten organisatorischen Merkmale entwickelt hat.

Eine Praxisübernahme wird dadurch nicht komplizierter, sondern informationsreicher

Es wäre wenig sinnvoll, aus der organisatorischen Einordnung ein weiteres umfangreiches Übernahmeprojekt zu machen. Das ist auch nicht erforderlich. Die für den Referenzvergleich benötigten Informationen sind im Praxisalltag ohne Vor-Ort-Termin und ohne aufwendige organisatorische Vorbereitung erfassbar. Entscheidend ist vielmehr ein anderer Gedanke: vor einer Praxisübernahme wird versucht, Unsicherheit durch Information zu reduzieren. Deshalb werden wirtschaftliche, rechtliche und betriebliche Sachverhalte möglichst genau beschrieben.

Bei der Organisation wird dagegen häufig vorausgesetzt, dass man sie beim Kennenlernen der Praxis schon erkennen werde. Das eine ersetzt das andere jedoch nicht. Der persönliche Eindruck zeigt, wie die Praxis erlebt wird. Eine organisatorische Referenzinformation zeigt zusätzlich, wo diese Praxis gegenüber definierten Vergleichsmaßstäben steht. Gerade vor einer Übernahme ist schwer zu begründen, warum ausgerechnet diese Information fehlen sollte.

Wer eine Arztpraxis übernimmt, übernimmt auch ihre Organisation. Deshalb kann es sinnvoll sein, nicht nur ihren wirtschaftlichen Wert, sondern auch ihren organisatorischen Ausgangsstatus zu kennen.

Transparenz

Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Konzepts „Der zweite Denkraum“ unter Einsatz generativer Künstlicher Intelligenz entwickelt. KI dient dabei der Exploration von Fragestellungen, der Erweiterung von Perspektiven, der Generierung von Text und alternativer Formulierungen, der Mustererkennung sowie der intellektuellen Auseinandersetzung mit Ideen und Annahmen.

Der Beitrag wurde vom Autor inhaltlich geprüft, redaktionell bearbeitet und freigegeben. Sämtliche redaktionellen Entscheidungen, Bewertungen, Interpretationen und Schlussfolgerungen liegen ausschließlich in seiner Verantwortung.

Kurz zusammengefasst

Bei einer Praxisübernahme werden zahlreiche wirtschaftliche, rechtliche und betriebliche Informationen geprüft. Der organisatorische Ausgangszustand besitzt dagegen häufig keine vergleichbare externe Referenz. Der Organisations-Referenzvergleich kann diese Informationslücke ergänzen, indem er zeigt, wie vollständig die Praxis die Merkmale des Best-Practice-Referenzstandards umsetzt und wie sie gegenüber ihrer Fachgruppe steht. Der ORV ist dabei weder Due-Diligence-Prüfung noch Kaufempfehlung, sondern eine zusätzliche objektive Information über die Organisation, die mit der Praxis übernommen wird.