Produktivität in Arztpraxen: Ein Plädoyer für eine Neuinterpretation des Begriffs

Worum es geht

Produktivität ist in der betriebswirtschaftlichen Definition die Betrachtung des Verhältnisses von Input zu Output, von Ressourcen-Einsatz zum Arbeitsergebnis, ohne Bewertung und ohne Forderung. Diese neutrale Definition wird im Kontext niedergelassener Ärzte jedoch häufig fehlinterpretiert. Insbesondere der Zeitgeist, der Wachstum und eine Steigerung der Leistung als oberstes Ziel der Arbeit betrachtet, trägt zu diesem Missverständnis bei. Das Resultat ist eine „ungesunde“ Betonung von Quantität über Qualität, die weder den Patienten noch dem medizinischen Personal dient. Dieser Artikel argumentiert für eine differenziertere Auffassung des Produktivitätsbegriffs, die den individuellen Zielen des Praxisinhabers mehr Raum gibt.

Falsche Gleichsetzung von Produktivität und Leistungssteigerung

Der zeitgenössische Fokus auf die Forderung einer ständig steigende Produktivität ist problematisch, wenn er auf den Healthcare-Bereich angewendet wird. Die medizinische Versorgung ist ein komplexes Feld, das nicht nur quantitative, sondern vor allem auch qualitative Faktoren beinhaltet. Wenn Produktivität nur als das Streben nach mehr Leistung interpretiert wird, kann das zu einer Vernachlässigung wichtiger Aspekte wie Patientensicherheit, Behandlungsqualität und Mitarbeiterzufriedenheit führen.

Das Dilemma des „Mehr ist besser.“

Dieser Fehlglaube, verbunden mit ökonomischen Zwängen, führt dazu, dass Ärzte und ihr Personal häufig unter erhöhtem Stress arbeiten, was wiederum die Gefahr von Fehlern erhöht. Ferner wird die Patientenbeziehung beeinträchtigt, wenn weniger Zeit für die individuelle Betreuung zur Verfügung steht. Das Dogma “Mehr ist besser” wird somit zu einer Belastung für das gesamte Gesundheitssystem.

Individuelle Zielsetzung als Lösungsansatz

Der Schlüssel zur Lösung dieses Problems liegt in der persönlichen Definition von Produktivität durch den Praxisinhaber. Es ist wichtig, die individuellen Ziele und Bedürfnisse der Praxis zu berücksichtigen, die sich von einer reinen Leistungssteigerung deutlich abheben können. Dazu gehören unter anderem die Verbesserung der Patientenversorgung, die Förderung eines angenehmen Arbeitsklimas oder die effiziente Nutzung von Ressourcen. Auch auf diese Weise lässt sich das für Praxisbetriebe notwendige Erhaltungs-Wachstum realisieren.

Die Performance-Trias

Betriebswirtschaftlich betrachtet wird die Qualität des Praxismanagements als Leistung oder Leistungsfähigkeit bezeichnet und mithilfe einer „Performance-Trias“ konkretisiert, die aus dem Bewertungs-Kriterium „Produktivität“, ergänzt durch „Effektivität“ und „Effizienz“ besteht. Ihre Aussagen und Bedeutung für die Praxisführung veranschaulicht die folgende Grafik:

Auf den beiden Achsen sind der Arbeitseinsatz und das zu erledigende Arbeitsvolumen aufgeführt:

  • Angenommen, eine Praxis hat an einem Arbeitstag mit acht Stunden Sprechstundenzeit. Wenn Arzt und Personal in dieser Zeit mit ihrer Leistung (Arbeitseinsatz, Strecke 0 bis B) insgesamt hundert Patienten behandeln, beträgt ihre Produktivität 100 Patienten (Punkt C). Die Produktivität ist also eine rein statistische Beziehung, die sich auf das Verhältnis zwischen einer erbrachten Leistung (Output) und den eingesetzten Ressourcen (Input) in einem bestimmten Zeitraum bezieht.
  • Ist es das erklärte Ziel des Praxisinhabers, mit seinen Mitarbeiterinnen pro Tag 100 Patienten zu behandeln (Punkt C) und gelingt ihm dies auch, ist die Arbeit effektiv. Effektivität beschreibt also das Ausmaß, in dem ein Ziel oder eine Aufgabe erfolgreich erreicht oder erledigt wurde, unabhängig davon, ob das Personal etwa regelmäßig an seine Leistungsgrenzen gerät, die Arbeit durch fortwährende Flüchtigkeitsfehler gekennzeichnet ist, Überstunden für administrative Arbeiten anfallen oder für manche Patienten nicht genügend Zeit zur Verfügung steht, ihr Anliegen umfassend zu klären. Der Begriff vermittelt lediglich eine Aussage darüber, ob ein Ziel erreicht wurde, egal auf welche Weise.
  • Des Weiteren angenommen, der Arbeitsdruck steigt im Zeitablauf und der Praxisinhaber entschließt sich z. B., eine Praxisanalyse durchzuführen. Diese identifiziert als Resultat zahlreiche Fehljustierungen der Arbeit, d. h. ungeeignete Maßnahmen oder geeignete, die aber falsch umgesetzt werden. Werden sie korrigiert, kann der Arbeitseinsatz um die Strecke A bis B auf 0 bis A verkürzt werden, um aber dennoch das „alte“ Arbeitsergebnis C zu erreichen. Die Arbeit der Praxis ist nun durch Effizienz gekennzeichnet (Option 1). Der Begriff bezieht sich damit auf die optimale Nutzung von Ressourcen wie Zeit, Personal und Material, um die bestmögliche Versorgung für die Patienten zu gewährleisten. Es geht darum, die Abläufe und Prozesse so zu gestalten, dass sie effektiv und produktiv sind, jedoch ohne Verschwendung von Ressourcen. Gleichzeitig eröffnet sich durch die Effizienz zudem eine weitere Handlungs-Option, denn es wäre dem Team nun auch möglich, den Arbeitseinsatz ohne Fehljustierungen von „A“ nach „B“ auszuweiten (Option 2) und dann das deutlich höhere Volumen von „D“ zu realisieren. Welche Option zum Tragen kommt, hängt vom Praxisinhaber und seiner Strategie ab.

Effizienz ist damit ein auch für Arztpraxen perfekt geeignetes Gestaltungs-Prinzip, da es keine apodiktischen Behauptungen oder Forderungen aufstellt, sondern eine personalisierbare Hilfestellung ist, d. h. sie folgt mit ihren Effekten immer den Zielen und Vorstellungen des einzelnen Praxisinhabers. Damit eignet sich der Effizienz-Begriff besonders gut als Leitmotiv für die jegliche Form der Optimierung des Praxismanagements.

Weiterführende Informationen

📕„Effizienz-Killer“ in der Arztpraxis – Factbook für Haus- und Fachärzte“

🛜 Zum Inhaltsverzeichnis und Download…